Zwischen Taschentuch und Osterlicht
Wenn man dieser Tage durch unser Pfarrbüro geht, hört man es an allen Ecken: Es wird gehustet, geschnupft und gegen die hartnäckige Frühjahrsmüdigkeit angekämpft. Wir sind gerade alle ein bisschen angeschlagen. Dazu kommen Themen, die uns emotional fordern: Viele Beerdigungen in der Gemeinde gehen uns nah. Welt- und wirtschaftspolitische Themen fordern uns alle ständig. Und dann schneit es nochmal mit großen Flocken – da fühlen sich der Beginn und die Leichtigkeit des Frühlings noch etwas fremd an.
Und doch: Draußen schieben sich die Krokusse durch den Boden. Das Leben wartet nicht, bis wir wieder ganz gesund oder alle Sorgen verschwunden sind. Es findet jetzt statt.
Der Philosoph Jürgen Habermas hat in seinen Reflexionen über die moderne Welt darauf hingewiesen, dass wir eine „Sensibilität für die eigene Verletzlichkeit“ brauchen.
Resilienz bedeutet in diesem Sinne nicht, einfach „hart“ zu sein oder alles wegzulächeln. Wahre Widerstandskraft entsteht dort, wo wir unsere eigene Vulnerabilität, unsere Verwundbarkeit, anerkennen.
Die Tage der Karwoche und Ostern bedeuten für mich genau das: Schwierigkeiten, Verletzlich- und Verwundbarkeit nicht zu umgehen, sondern sie zu tragen und ertragen – bewusst aushalten.
Vielleicht ist dieser Frühling eine Einladung, die eigene Zerbrechlichkeit nicht als Makel, sondern als Teil unseres Menschseins zu sehen. Einander das Taschentuch zu reichen, die Unsicherheit zuzulassen und trotzdem gemeinsam den Blick nach vorne zu richten – in der Gemeinschaft, in den Gottesdiensten, im Glauben, in der Familie, in der Musik und im ganz normalen, verschnupften Alltag.
Lassen wir uns von dieser österlichen Zuversicht anstecken. Suchen wir das Leben dort, wo es gerade – trotz allem – aufblüht.
Ich wünsche Euch und Ihnen eine gesegnete Osterzeit!
Marcus Lechner
Referent für Kommunikation in der Katholischen Kirche Bodensee-Hegau